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Wie findet der stotternde Patient eine seriöse, für ihn wirksame Therapie?

Was tun, wenn man stottert? Ganz einfach, man unterziehe sich einer geeigneten Stottertherapie! Nur welcher? Der Stotternde hat die Qual der Wahl zwischen Dutzenden von Behandlungsmöglichkeiten.

Diese Seite soll kurze Antworten auf folgende Fragen geben:

Was für Stottertherapien gibt es?

Welche Berufsgruppen zur Sprachtherapie gibt es?

Ist Stottern heilbar?

Was sollte eine fundierte, seriöse Stottertherapie alles leisten können, um jedem Stotternden gerecht zu werden?

Woran erkennt der stotternde Patient eine seriöse Stottertherapie?

 

Was für Stottertherapien gibt es?

Man unterscheidet heute grob in Methoden, die das Stotterereignis (den Block) durch den Erwerb von Modifikationstechniken direkt lösen (lokale Sprechtechniken ® "stuttering modification") und Methoden, welche den systematischen Aufbau einer Sprechweise beinhalten, in der im Idealfall Stotterereignisse gar nicht erst auftreten sollen (globale Sprechtechniken ® "fluency shaping"). Das ist aber nur die symptomorientierte Therapieseite. Moderne Stottertherapien setzen sich notwendigerweise auch mit der Psyche - der Angst vor dem Stottern - und dem daraus resultierenden Vermeidungsverhalten des Stotternden auseinander; multifaktorielle Stottertherapien versuchen eindimensionale, rein psychologisch oder physiologisch ausgerichtete Therapiekonzepte durch mehrdimensionale, komplexere und methodenkombinierte Behandlungen zu ersetzen.

 

Welche Berufsgruppen zur Sprachtherapie gibt es?

Die Spitzenverbände der Krankenkassen (u.a. AOK, BKK und IKK) haben sich gemäß § 124 Abs. 4 SGB V zur einheitlichen Anwendung der Zulassungsbedingungen nach § 124 Abs. 2 SGB V auf folgende gemeinsame Empfehlungen geeinigt:
   Logopäden,
   Staatlich anerkannte Sprachtherapeuten,
   Staatlich anerkannte Atem-, Sprech- und Stimmleher (Schule Schlaffhorst-Andersen),
   Diplom-Sprechwissenschaftler.
Darüberhinaus sind zwei weitere Berufsgruppen berechtigt, Behandlungen von Stotternden zu verordnen und mit Krankenkassen abzurechnen:
   Psychotherapeuten (spezialisierte Ärzte oder Dipl. Psychologen mit Approbation) und
   Phoniater (oder Fachärzte für Hals-Nasen-Ohrenerkrankungen mit dem Zusatz "Stimm- und Sprachstörungen").
Weitere Berufe im sprachlichen Bereich, z.B. Sprecherzieher, Dipl.-Psychologen ohne Approbation oder sonstige soziale, pädagogische und therapeutische Berufe erfüllen die Voraussetzungen für die Erteilung einer Zulassung in der Regel nicht, d.h. ihre Leistungen sind für die meisten Krankenkassen nicht erstattungspflichtig. Allein der Titel aus oben genannten Berufsgruppen bietet allerdings noch keine Garantie für eine fundierte Stottertherapie, weil sich die einzelnen Fachkräfte in ihrer Ausbildung in unterschiedlicher Gewichtung mit Stottern beschäftigen. Den Beruf  des "Stottertherapeuten“ gibt es leider noch nicht. Dies könnte auch mit ein Grund dafür sein, warum in der Stottertherapielandschaft so viele Anbieter fragwürdiger Methoden überhaupt eine Chance haben: Zum einen „selbstgeheilte“ Stotternde, die ihre individuellen Erfahrungen als neue, universelle d.h. für jeden Stotternden geeignete Methode anpreisen. Zum anderen Geschäftsleute, die gemerkt haben, daß mit Stotternden viel Geld zu verdienen ist, solange um ihre Therapie professionell genug Werbung gemacht wird. Beiden gemeinsam ist eine Bagatellisierung der (in Wirklichkeit differenzierten) Stotterursache auf ein einziges oberflächliches Grundproblem, oft verbunden mit einem Heilungsversprechen.

 

Ist Stottern heilbar?

Wohl keine andere Frage beschäftigt Stotternde so hartnäckig. Dabei ist doch allein schon der Begriff Heilung auf Stottern eigentlich gar nicht anwendbar. Denn jede Heilung im medizinischen Sinne setzt eine vorangehende Krankheit voraus. Und in der Medizin gilt Stottern nicht als Krankheit sondern als (Redefluß-) Störung. Angesichts dieser Begriffsproblematik ist wohl eher die Frage von Belang, was unter „Heilung von Stottern“ überhaupt zu verstehen ist? Die Befähigung eines ehemaligen Stotternden, in allen Situationen symptomfrei sprechen zu können? Bei Kindern ist dies sicher ein realistisches Therapieziel. Genauso sicher gibt es auch vereinzelt Erwachsene, die ihr Stottern vollständig "abgelegt“ haben. Dabei handelt es sich statistisch gesehen jedoch um Abweichungen von der Norm; was bei geschätzten ca. 800000 Stotternden allein in Deutschland nicht weiter verwundern sollte. Was ist mit dieser Erkenntnis gewonnen? Ist es in der Stotterbehandlung verantwortungsvoll ein Therapieziel vorzugeben, welches nur für einen verschwindend geringen Teil aller erwachsenen Stotterer, die unter besonderen Umständen ihre besondere Art und Weise des Stotterns „abgelegt“ haben, bisher erreichbar gewesen ist? Ich denke nicht. Und wundere mich deshalb: Warum klammern wir Stotternde uns viel zu oft so hartnäckig an den Gedanken, unser Stottern sei eine Art Defekt, der mit der richtigen Methode „abstellbar“ wäre. Warum begreifen wir unser Stottern nicht als Teil unser selbst, welches nicht grundsätzlich heilbar, dafür aber schon in relativ kurzer Zeit deutlich reduzierbar ist? Warum begnügen wir uns nicht mit dem Ziel, angst- und spannungsfrei in ihrer Umwelt kommunizieren zu können? Leider gaukelt uns in der heutigen Zeit vor allem die Werbung vor, alle Menschen würden makellos und perfekt aussehen und sprechen. Welch ein Unsinn, sprechen doch nicht einmal Nicht-Stotternde, wenn sie nicht gerade in Werbespots gezeigt und gehört werden, makellos und perfekt.

 

Was sollte eine fundierte, seriöse Stottertherapie alles leisten können, um jedem Stotternden gerecht zu werden?

Sie sollte meiner Meinung nach dem Stotternden diejenige individuell angepasste (lokale und/ oder globale) Sprechtechnik in die Hand geben, die für ihn in der Einzigartigkeit seines Stotterns am geeignetsten ist; und das auf der Grundlage von Psycho- bzw. Verhaltenstherapie. Sie sollte die Individualität des Stotternden ernst nehmen und deshalb einzelne Behandlungselemente individuell gewichten. Ein idealer „Stottertherapeut“ müßte deshalb meiner Meinung nach gute psychotherapeutische Kenntnisse haben. Ihm müssten gleichzeitig die wichtigsten lokalen und globalen Sprechtechniken vertraut sein. Ideale Stottertherapien, die jedem Stotternden gerecht werden können, gibt es natürlich nicht überall. Zwar findet sich in Deutschland inzwischen eine große Anzahl Anbieter mit differenziertem Therapieansatz. Andererseits folgen immer noch viel zu viele in ihrem Konzept einem bestimmten, einseitigen Schema, in der naturgemäß die Möglichkeiten einer individuellen Anpassung begrenzt sind. Das sollte der Stotternde wissen, bevor er sich für eine bestimmte Therapie entscheidet. Der Anbieter erleichtert ihm dieses Wissen, in dem er sich transparent gibt und dem Kunden detailliert erläutert, was seine Methode leistet und was nicht. Im Idealfall weiß der Stotternde schon vor Therapiebeginn, welche Methode für sein spezielles Stotterproblem geeignet ist. Das setzt allerdings enorme Selbstkenntnis voraus. Vor allem: Der geeignetste Therapieansatz ist meistens nicht der einfachste und bequemste.
Leider neigt der Mensch noch immer dazu, bei Qual der Wahl eher den Weg des geringsten Widerstand zu gehen. Den Weg, der innerhalb kürzester Zeit den größten Erfolg zu versprechen scheint. Macht es angesichts dessen überhaupt noch Sinn, seriöse Therapien anzubieten? Selbstverständlich, weil sie letztendlich längerfristig helfen werden, die Lebenssituation Stotternder zu verbessern. Und sobald der Stotternde auf ein fundiertes, seriöses, übersichtliches, transparentes und hilfreiches Therapieangebot zurückgreifen kann, sollten unseriöse „Methodenfanatiker“ keine Chance mehr haben.

 

Woran erkennt der stotternde Patient eine seriöse Stottertherapie?

Schwer zu sagen, denn so etwas ähnliches wie einen „Stottertherapie-Ehrenkodex“, dem sich alle seriösen Anbieter gegenüber und gegenseitig verpflichtet fühlen, gibt es in Deutschland (noch?) nicht. Wie könnte so ein Ehrenkodex aussehen? Es seien mir an dieser Stelle ein paar Vorschläge erlaubt.

Seriöse Stottertherapien sollten einen differenzierten Ansatz verfolgen, d.h. sie sollten es ernst nehmen, dass die stotternde Person in ihrer Individualität individuelle Hilfen braucht.

Anbieter seriöser Stottertherapien sollten über ein fundiertes und breites Wissen aus voneinander unabhängigen Quellen über Stottern verfügen.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Tatsächlich gibt es aber viel zu viele selbsternannte „Sprachtherapeuten“, die ihre Methode auf ein einziges Buch bzw. einen einzelnen Autoren aufbauen (ohne neuere Erkenntnisse einzubeziehen).

Anbieter seriöser Stottertherapien sollten nicht (angeblich) wissenschaftliche Studien zu Werbezwecken missbrauchen.

Warum? Weil eine seriöse Therapie in sich schon auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht und es deshalb auch nicht nötig hat, mit angeblicher Wissenschaftlichkeit zu protzen.

Anbieter seriöser Stottertherapien sollten sogenannte „Erfolge“ in Form persönlicher Erfahrungsberichte ehemaliger Patienten nicht zu Werbezwecken missbrauchen.

Warum? Weil „Vorführkaninchen“ nicht repräsentativ sind. Was für den einen gut ist, muß für den anderen noch lange nicht so sein.

Anbieter seriöser Stottertherapien sollten vermeiden, sich als „Sprachtherapeut“ zu bezeichnen.

Warum? Weil der Begriff „Therapeut“ (mit Ausnahme des "staatlich anerkannten Sprachtherapeuten", s.o.) nicht geschützt ist und deshalb jedem Laien zur freien Verwendung steht. "Sprachtherapeut“ suggeriert dem Patienten eine berufliche Eignung bzw. Qualifikation, die überhaupt nicht vorhanden ist. Wäre sie vorhanden, würde sie ein seriöser Therapie-Anbieter auch benennen und auf den fragwürdigen Titel eines "Sprachtherapeuten“ verzichten. Dasselbe gilt meiner Ansicht nach auch für Begriff „Stotterexperte“.

Anbieter seriöser Stottertherapien sollten es vermeiden, ihren Therapiestandort als „Institut“ zu bezeichnen.

Warum? Weil auch der Begriff „Institut“ nicht geschützt ist. Er suggeriert dem Patienten wissenschaftliche Hochschuleinrichtungen, die nicht vorhanden sein müssen.

Und noch etwas zum Thema „Sprachtherapeut“: Selbsternannten „Sprachtherapeuten“ steht es nicht zu,  sich in negativer Weise über Mitbewerber zu äußern.

Warum? Weil es ein bezeichnendes Licht auf denjenigen wirft, der so etwas nötig hat.

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